Die wundersame Wirkung von Klassenfahrten

Bucht in Rabac, Kroatien

Eine anstrengende Woche mit wenig Schlaf und immerwährender Aufmerksamkeit, ständigem Lärm und viel, viel Gelächter, schlägt sich im Nachhinein aufs Wertvollste im Unterricht nieder.

Zu Beginn dieses Jahres – da waren meine jetzigen Zehner noch Neuner und ich seit fünf Monaten an meiner Schule – lief es im Unterricht mittelgut mit meinen Rabauken. Zwischen positiver Beziehung und meinem tatsächlichen Stand als Lehrperson herrschte ein frustrierendes Ungleichgewicht. Das heißt, im Bewusstsein der Klasse war ich zwar die nette Frau Zender, die immer ein Ohr für ihre Lieben hat, aber sobald der Klassenlehrer, mit dem ich den Unterricht gemeinsam mache, die Klasse verließ, wurde es laut und es arbeiteten viele nicht mehr so richtig, auch, wenn wir die Klasse trennten und ich eine Kleingruppe für mich hatte. Das brachte niemandem etwas. Auf der Suche nach Abhilfe habe ich nicht nur verschiedene Maßnahmen ergriffen, die ich aus der Sommerakademie kannte, sondern insbesondere halfen die Klassenfahrten nach Berlin und Kroatien.

Berlin

Der Co-Klassenlehrer hatte die klassischen und tollen Stationen eingeplant: East Side Gallery („Alter, die haben hier ´ne Mauer gebaut?! Hätt‘ ich nicht mit mir machen lassen!“), Willy-Brandt-Museum („Ey, der heißt wie unsere Schule!“), Shoppen in der Friedrichstraße, KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Bundestag. Unser Hostel in Friedrichshain war bunt und gemütlich, wir fuhren viel U-Bahn und aßen Currywurst. Natürlich wurde auch viel gemault („Alter, wir sind so viel gelaufen, ich kann nicht mehr, ist voll anstrengend!“), aber der Lernerfolg und viel Spaß überwogen. Wenn wir Begleiter abends in der Hostel-Lobby zusammensaßen, stahlen sich die Schüler immer nach unten, setzten sich zu uns, erzählten und wollten viel, viel wissen. In Sachsenhausen flossen die Tränen. Konfrontiert mit den grausigen Geschehnissen während der NS-Zeit ließen die meisten ihre Coolness fallen. Dass wir Lehrer ebenfalls den Tränen nah waren, irgendwie „unlehrerhaft“ (O-Ton Schülerin) wurden, ließ uns nahbarer erscheinen.

Zurück in Köln konnte ich im Geschichtsunterricht immer auf diese Episode Bezug nehmen. Damit bekomme ich natürlich nicht alle – aber den überwiegenden Teil der Klasse und das genügt schon, um auch die weniger Motivierten bei der Stange zu halten.

Kroatien

Im vergangenen September quetschten wir uns in Köln in einen Reisebus und fuhren 14 Stunden lang in den Sommer zurück, nach Rabac in Kroatien. Dort angekommen, völlig gerädert und gereizt, bezogen wir unsere Bungalows auf einem direkt am Meer gelegenen Campingplatz. Hier und da gab es natürlich Beschwerden („Ey, voll runtergerockt, alles.“), aber das blendet man aus.

Wir hatten ein volles und tolles Programm: Mountainbiken, Schnorcheln, Kajak fahren, Kolosseum in Pula besichtigen, Boot fahren und in einer Bucht planschen und natürlich viel am Strand chillen. Zunächst gab es Beschwerden: „Bei der Hitze fahr‘ ich bestimmt kein Mountainbike.“ – „Doch.“ – „Nein.“ – „Doch.“ – undsoweiter.  Doch viele entdeckten ihre Leidenschaft für steinige, abschüssige Wege, viele  bewiesen ein beeindruckendes Talent beim Kajak fahren, für das man viel Balance und Kraft in den Armen braucht, viele jauchzten vor Freude über ihre Beobachtungen beim Schnorcheln. Es war eine Freude! Die meisten schwammen zwar viel lieber im Pool des Campingplatzes als im Meer, begründeten das aber argumentativ: „Im Meer ist es dreckiger, es schmeckt salzig und ist uneben.“

Bei dieser Klassenfahrt konnte ich einmal mehr beobachten, wie wichtig außerschulische Erlebnisse fürs Lernen sind: Schülerinnen und Schüler, die durch das System fallen, die etwa im Regelunterricht nicht mitkommen, glänzen bei sportlichen Aktivitäten oder zeigen eine tolle, soziale Seite, die sie im schulischen Rahmen gar nicht unter Beweis stellen können: Ihre Mitschüler beim Bergauffahren anfeuern und ermutigen, durchzuhalten, Streitereien schlichten oder eine tolle Geburtstagsfeier am Strand vorbereiten. Das hat mir gezeigt, dass im Unterricht mehr solche Situationen geschaffen werden müssen, in denen die Schülerinnen und Schüler solche Fähigkeiten unter Beweis stellen können.

Übrigens gelang mir während der Klassenfahrten ein Geniestreich, den ich allen Lehrpersonen empfehle: Lustige Sprüche mitschreiben und im Unterricht vortragen. Das schweißt die Klasse zusammen!

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Marie Cornell Zender ist Fellow der Klasse 2015 an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Köln und bloggt regelmäßig über ihren Schuleinsatz.