Ein Tag als Fellow

Wie sieht eigentlich so ein Arbeitstag an der Einsatzschule aus? Max ist Fellow im Sprachlehrer*innen-Programm und unterrichtet an einer Beruflichen Schule in Mannheim. Er nimmt uns mit durch einen typischen Mittwoch.

6:00 Uhr – „Endlich aufstehen und ab in die Schule“…
… – So würde ich zumindest gerne denken, wenn mich mein Wecker zu dieser unmenschlichen Uhrzeit aus den Federn klingelt. Viel Zeit zum Frühstücken und Duschen bleibt dann nicht – daher fällt gerade ersteres auch gerne mal aus. Um 6:44 Uhr nehme ich dann die Straßenbahn in Richtung ‚Außenstelle Vogelstang‘. Klingt nicht unbedingt nach Schule, so heißt jedoch einer von drei Standorten der Justus-von-Liebig-Schule im Mannheimer Stadtviertel Vogelstang.

7.25 Uhr – Ankunft im Lehrerzimmer
Mit einem erfrischenden „Guten Morgen“ begrüße ich die ebenfalls gerade ankommenden Kolleg*innen. In unserer kleinen Außenstelle haben wir es gemütlich, denn wir sind nur ca. 15 Lehrer*innen und kennen uns gut.

7.35 Uhr – Letzte Unterrichtsvorbereitungen
Zwei meiner Sprachanfängerklassen sind „uf de Vogelstang“, wie waschechte „Monnemer“ wahrscheinlich sagen würden. Heute fängt der Tag erst einmal mit etwas Abwechslung von den 16 Stunden Deutsch an, die ich insgesamt unterrichte: Die VAB-Klasse (VAB steht für Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf) hat in der ersten Stunde LWK (Lebensweltbezogene Kompetenzen) bei mir. Danach geht es mit zwei Stunden Deutsch weiter. Ein, zwei, manchmal auch fünf Arbeitsblätter und Overhead-Folien darf der Kopierer daher noch vor Unterrichtsbeginn für die ersten drei Stunden ausspucken – eine gute Gelegenheit, um mir nochmal ins Gedächtnis zu rufen, was ich heute alles vorhabe. In LWK ist es das Thema Fahrrad fahren, und ich freue mich auf das Musikvideo ‚Mein Fahrrad‘ von den Prinzen und hoffe, meine Schüler*innen auch ?.

7.45 Uhr – Los geht‘s oder manchmal auch nicht
Pünktlichkeit auf der Vogelstang – immer schon ein schwieriges Thema. Das wurde mir gleich zu Beginn des Schuljahres nahegelegt. Heute ist es mal wieder zu spüren: Es stehen fünf von 16 Schüler*innen vorm Klassenzimmer, die mich mit einem verschlafen wirkenden „Guten Morgen, Herr Gimmix, wie geht’s?“ empfangen. Ich grüße euphorischer zurück und denke mir, dass wir dringend mal wieder das ‚ch‘ üben müssen…
Fast alle Schüler*innen in dieser Klasse leben zurzeit in großen Gemeinschaftszimmern in Flüchtlingsheimen, schlafen schlecht und müssen teilweise über eine Stunde zur Schule fahren und drei Mal umsteigen – ein paar Minuten Puffer zum Unterrichtsbeginn sind bei mir also immer drin. Mit dem bedeutungsvollen Wort „Straßenbahn“, was meistens so viel wie „Die Straßenbahn kam zu spät.“ heißen soll, trudeln auch heute nach fünf bis zehn Minuten noch einige ein und es kann losgehen.

9.15 Uhr: Pause!?
20 Minuten Pause sind es auf dem Papier, doch nie in der Realität. Ousman und Cham möchten nach Unterrichtsende gerne noch den Unterschied zwischen „Brot“ und „Brötchen“ diskutieren. Ich als Münchner würde da eigentlich lieber „Semmel“ sagen. Seedy hat die Hausaufgaben nicht ganz verstanden. Suma möchte noch ein Schulbuch zurückgeben. Zack, 10 Minuten vorbei. Schnellen Schrittes gehe ich zurück ins Lehrerzimmer, beiße einmal von einer Brezel ab, bespreche die ein oder andere Sache mit den Klassenlehrerinnen. Dann klingelt es. Ab in den nächsten Unterrichtsraum.

10.20 Uhr: Applaus, Applaus
Die ersten drei Stunden sind vorbei. Mustafa und Tairu beenden mit stolzer Verbeugung und Applaus den Unterricht – nein, das gehört nicht zu unseren alltäglichen Schluss-Ritualen, sondern ist die gebührende Anerkennung für das letzte Rollenspielpaar. Die Klasse hat zwar einige große neue Schauspieltalente hervorgebracht, ist aber nach zwei Stunden Deutsch zum Thema „Einkaufen gehen“ auch sichtlich ermattet und hat sich jetzt erst einmal eine Freistunde verdient. Bei mir stehen nun sogar zwei Freistunden an, eine davon werde ich allerdings hauptsächlich in der Straßenbahn verbringen. Mein Unterricht geht im sogenannten Stammhaus, also in Mannheim-Neckarstadt, weiter.

10.40 Uhr: Mein bester Freund die Straßenbahn
Manche sagen: Hört sich ganz schön stressig an, wenn du mitten am Tag mit der Straßenbahn zum anderen Schulgebäude fahren musst. Ich antworte darauf meistens: Man gewöhnt sich daran und lernt es zu nutzen. Um ehrlich zu sein, war ich am Anfang nach den ersten drei Unterrichtsstunden so müde, dass ich manchmal während der 25-minütigen Fahrt ein kleines Nickerchen eingebaut habe. Inzwischen eignet sich die Fahrt ganz gut, um E-Mails zu beantworten, sich den Stundenablauf nochmal anzuschauen oder einfach Musik zu hören, wenn der Vormittag bereits etwas aufreibend war.

14.15 Uhr: Unter dem Tisch, auf dem Stuhl, …
Nach weiteren drei Stunden Deutschunterricht bin ich manchmal nicht ganz sicher, ob ich heute noch mit irgendjemandem sprechen möchte. Sprachanfängerunterricht fordert ganz schön viel: Ständige Präsenz, viel Geduld und auch körperliche Arbeit. Auch heute war das Workout inklusive. Unter dem Deckmantel „lokale Präpositionen“ sind wir unter den Tisch gekrochen, auf den Stuhl geklettert, vor die Tür gerannt und haben uns neben die Heizung gestellt. Meine letzte Unterrichtsstunde für heute ist vorbei – die Arbeit allerdings noch nicht. Das Klassenbuch, das Tagebuch der Klasse, will noch ausgefüllt werden. Alle behandelten Unterrichtsthemen sind mit Tag und Datum darin zu finden, genauso wie besondere Vorkommnisse im Unterricht. Wenn ich dran denke und noch Zeit habe, kopiere ich anschließend gerne noch Material für die nächsten Tage – sehr angenehm, um diese Uhrzeit ist am Kopierer im Lehrerzimmer nämlich nicht mehr viel los.

15.00 Uhr: Gute Nacht!
Mein Nachmittag beginnt – vor allem mittwochs – gerne mal mit einem oft nicht ganz absichtlichen Nachmittags-Nap. Ich unterrichte unfassbar gerne, bin aber auch immer wieder darüber erstaunt, wie energieraubend das Lehrerdasein manchmal sein kann. Direkt nach der Schule für den nächsten Tag vorbereiten, das ist definitiv nicht mein – nennen wir es mal Rhythmus. Erstmal ist es Zeit für ein Kontrastprogramm wie Musik hören, Serien gucken oder bouldern gehen. Hauptsache für ein paar Stunden schulfreie Gedanken. Erst gegen Abend sitze ich am Schreibtisch und grüble über die ein oder andere Gruppenarbeit oder Stundenabläufe. Da gibt es durchaus mal Tage, an denen ich denke, gerade den langweiligsten Unterricht der Welt zu planen. Erfahrungsgemäß kommen diese Stunden aber sogar oft mit am besten bei den Schüler*innen an. Im Gegensatz dazu drohen vermeintlich superkreative und stundenlang geplante Einheiten auch gerne mal im Chaos zu versinken.

22.30 Uhr: Jetzt aber wirklich…
Ja, manchmal gibt es Tage, da komme ich irgendwie gar nicht zum Ende und zerbreche mir an meist gar nicht so entscheidenden Dingen den Kopf. Es gab auch schon Tage, an denen kurz vor Unterrichtsbeginn die Kolleg*innen nochmal mit einer Idee aushelfen mussten. Es ist zwar spät geworden, aber heute ist keiner dieser Tage. Dennoch: Das Bett ruft!

 

Maximilian Kimmich

 

 

 

Autor: Max Kimmich ist Fellow im Sprachlehrer*innen-Programm an der Justus-von-Liebig-Schule in Mannheim.