Rap in der Mensa

Zum ersten Mal fanden die Lernferien von Teach First Deutschland auch in Mannheim statt, und dann dort gleich an drei Standorten. Auch das Bergfest, das immer zur Halbzeit des Ferienprogramms auf dem Plan steht, war anders als in den vergangenen Jahren. Denn die Schülerinnen und Schüler aller drei Standorte kamen zusammen und ließen sich in einem bunten Programm von Berufsorientierung bis Improvisations-Rap mitreißen.

Ok, hier soll es also stattfinden, das Bergfest. Ich blicke nicht in die für Aufführungen und Öffentlichkeit hergerichtete Aula einer Schule, nicht in die geräumige Turnhalle – sondern in die funktionale Schulmensa. Eine Woche vor dem Bergfest, das nach dem Ende der ersten Woche der Lernferien stattfindet, wird sie mir geöffnet mit den Worten „Das ist dann der Ort des Geschehens.“ Ich bin überrascht, irgendwie hatte ich mit etwas anderem gerechnet, aber gut, dann los. Denn Ziel ist es, den Raum einen Nachmittag richtig mit Leben zu füllen. Die Schülerinnen und Schüler, die an den Lernferien in Mannheim teilnehmen, sollen rappen, sich inspirieren lassen, Spaß haben – und das alle zusammen an einem Ort. Eine Abwechslung vom intensiven Lernen.

Deutsch, Englisch oder Mathe büffeln die knapp 120 Jugendlichen für zwei Wochen gemeinsam. Ziel ist es, sich intensiv mit den Inhalten zu den im kommenden Jahr anstehenden Abschlussprüfungen auseinanderzusetzen. Daher auch der Name der Lernferien: ZAPup!. ZAP steht dabei für „Zentrale Abschlussprüfungen.“ Zudem legen eine ganze Reihe der Schülerinnen und Schüler den Fokus darauf, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Das sind vor allem die geflüchteten Jugendlichen der Erstaufnahme-Einrichtung „Benjamin-Franklin“ in Mannheim, aber auch an den zwei anderen Standorten, der Kerschensteiner Gemeinschaftsschule und der Pfingstbergschule, gibt es Kinder, die sich diesem Thema widmen.

Aber zurück zum Bergfest. Ein voller Tag für alle wird es werden. Vormittags lädt Teach First Deutschland noch zum Pressegespräch, um gemeinsam mit allen an den Lernferien in Mannheim beteiligten Partnern über das Projekt zu informieren. Nachmittags kommen dann alle Schülerinnen und Schüler zur Kerschensteiner Gemeinschaftsschule für das Bergfest. Die Tage vorher sind geprägt von dem Gewusel, das ein solches Event nun mal begleitet: Ist die benötigte Technik an der Schule vorhanden? Was muss noch wo besorgt werden? Wie dekorieren wir die Mensa? Wissen alle Eltern Bescheid, dass ihre Kinder an dem Tag etwas später nach Hause kommen? Und, und, und. Für Sonja, unsere Regionalleitung Süd, und mich dreht sich ein paar Tage (fast) alles um diesen Tag. Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler eine tolle Zeit erleben!

Dementsprechend positiv aufgeregt sind wir auch am Morgen des Bergfestes, als wir gemeinsam mit ein paar Kolleginnen und Kollegen an die letzten Vorbereitungen gehen. Am späten Vormittag trudeln die ersten der Partner ein, die das Bergfest gestalten. Sie machen sich direkt an den Technikcheck und statten ihren Workshop-Räumen einen Besuch ab. Ali Mahlodji von whatchado ist dabei; er wird von seinem Lebensweg erzählen und dadurch die Jugendlichen ermutigen, an sich selbst zu glauben und ihren Weg zu finden. Dazu kommen die Mannheimer „Rapagogen“ von Who.Am.I?. Chef-Rapagoge Tobi wird als eine Art Moderator fungieren und die 120 Jugendlichen plus Fellows, Team und weitere externe Gäste auf den Nachmittag einschwören. Dafür hat er von uns ein paar Insider aus den ersten Tagen der Lernferien bekommen, die er in einen Impro-Rap einbauen wird. Außerdem mit dabei sind Reza, Rico und Michell von Heartbeat Edutainment, die ähnlich wie die Rapagogen mit Musik (und Sport) die Kids „empowern“ möchten, wie das so schön neudeutsch heißt.

Fette Beats beim Technik-Check

Als ich in die Mensa komme, um alle zu begrüßen, tönt mir schon im Gang ein fetter Beat entgegen. „Ok, der Verstärker läuft also, sehr gut“, denke ich. Die Stimmung ist mitreißend. Die Jungs von whatchado, Who.Am.I? und Heartbeat sind alle so voller Energie, verstehen sich auf Anhieb und sind mit dem gleichen Ziel unterwegs wie wir. Sie sind sich sicher: „Das wird richtig fett!“

Und das wird es – bei allen Herausforderungen, die solch ein Nachmittag mit sich bringt. Um mal ein paar zu nennen: Der Zeitrahmen ist ganz schön eng geraten, zumal eine Lernferien-Gruppe etwas verspätet an der Location ankommt und wir praktisch von Beginn an in Verzug sind. „Hoffentlich klappt das alles“, denke ich. Die Jungs hingegen sind entspannt. Zudem ist es eine ganz schön große Truppe, die sich da zusammengefunden hat. Bis die sich mal in Bewegung gesetzt hat, beispielsweise als es in die einzelnen Workshop-Gruppen geht –  das dauert länger als fünf Minuten. Und ein besonders kniffeliger Punkt: Die Deutschkenntnisse der Schülerinnen und Schüler sind sehr unterschiedlich. Das macht es für einige schwierig, dem einstündigen Vortrag von Ali die ganze Zeit aufmerksam zu folgen.

Aber ich will nicht bei den Herausforderungen hängen bleiben, sondern vor allem erzählen, was für ein toller, inspirierender Nachmittag es insgesamt war. Schon mit dem ersten Song, den Chef-Rapagoge Tobi zum Besten gibt, hat er die Aufmerksamkeit der Jugendlichen. Und als er auch noch eine Hymne auf „Monnhem“ singt, gehen alle mit. In einem Lied wechselt er dann ins Französische – es ist schön zu sehen, wie einer der geflüchteten Jugendlichen, dessen Muttersprache das ist, bewegt ist. Toppen kann das nur noch der Impro-Rap, bei dem Tobi auf die ersten Tage der Lernferien und die Erlebnisse der Schülerinnen und Schüler eingeht.

Rap und Impro-Theater

Dann geht es weiter mit der whatchaskool von Ali. Ali erzählt vor allem von seinem Werdegang; davon, wie er es als Flüchtlingskind aus dem Iran zum Gründer geschafft hat. 40 verschiedene Jobs lagen dazwischen – und der unbedingte Glaube an sich selbst. Schließlich hat er die Berufsorientierungs-Plattform whatchado gegründet, nach Selbstbeschreibung ein „Handbuch der Lebensgeschichten“. Eine inspirierende Geschichte, die die Jugendlichen sichtlich berührt. Die meisten hängen an seinen Lippen, einige – vor allem diejenigen die aufgrund ihrer Deutschkenntnisse nicht so viel vom Vortrag verstehen – nehmen sich eine Pause in der Sonne.

Anschließend heißt es aber wieder aktiv werden, denn die Workshop-Phase geht los. Bei den Rapagogen wird – natürlich – gerappt, ebenso wie bei den Jungs von Heartbeat. René, der im Auftrag von whatchado ebenfalls einen Workshop leitet, will über Improvisations-Theater die Jugendlichen in ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Selbstbewusstsein stärken. Und die Workshops finden Anklang, so steht nach nur einer knappen Stunde beispielsweise folgender Text an der Tafel im Raum von Chef-Rapagoge Tobi:

„Ich will keinen Krieg sehn‘
aber kann nicht mehr weggehn‘.
Ich will jeden Tag in die Schule
mich nicht auf einem Fleck drehn‘.

Ich will meine Träume nicht aufgebn‘
ich und meine Leute wolln‘ auch leben
Mannheim ist ab jetzt meine Heimat
Deine Heimat, die nen‘ feinen Reim fand.“

Wow! Und die Truppe aus dem anderen Rap-Workshop stellt ihre Ergebnisse dann sogar noch im Plenum vor. Der Applaus ist sicher!

Das Bergfest endet dann mit Reza, Rico und Michell von Heartbeat. Auch sie haben eine inspirierende Lebensgeschichte mitgebracht. Schließlich singen wir alle zusammen „I believe I can fly“. Fand ich eigentlich immer kitschig, aber an diesem Nachmittag, in dieser Stimmung, mit all den Leuten, ist es positiv berührend. Das Ziel, dass die Schülerinnen und Schüler einen schönen und inspirierenden Tag haben, sehen wir dann mal als erreicht an. Check und Danke an alle, die dazu beigetragen haben!

 

Autorin: Kathrin Justen ist Managerin Recruiting & Auswahl und Kommunikation im Team Süd von Teach First Deutschland.