Twenty-First Century Skills: Ein Plädoyer

Was brauchen wir für Fähigkeiten, um in diesem Jahrhundert ein selbstbestimmtes Leben zu führen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen zu können? Eine mögliche Antwort dazu gibt das Konzept der Twenty-First Century Skills. Was diese genau beinhalten und welchen Mehrwert sie bieten können, erklärt Fellow Marie-Sophie.

Sobald ich nach dem Gong das Schulgelände verlasse, sehe ich meine Schülerinnen und Schüler mit Stierblick und Fingerklavier an ihren Smartphones kleben. Bei mir reicht es stets bis zur anderen Straßenseite, aber dann bin auch ich einige Minuten in die Updates vertieft: was die neusten Nachrichten und Emails berichten, was die Schlagzeilen des Weltgeschehens sind, was meine Facebook-Community über den hitzigen Wahlkampf in den USA denkt. Ich kann mich nicht an den Zustand gewöhnen, dass wir eine handyfreie Schule sind, Medien kaum nutzen und hinter den Türen so tun, als würde sich das digitale Zeitalter nur „draußen“ abspielen.

Dieser Beitrag soll kein Plädoyer für allgegenwärtige Handynutzung im Schulgebäude oder flächendeckenden Digitalunterricht sein. Vielmehr greife ich diesen drastischen Bruch zwischen Jugendrealität und Schulkultur auf, um die Fähigkeiten zu beschreiben, die Kinder und Jugendliche verinnerlicht haben sollten, um selbstbewusst und selbstbestimmt ihr eigenes Leben gestalten und mit den Herausforderungen dieses Jahrhunderts umgehen zu können. Und die Digitalisierung ist eine dieser Herausforderungen.

Zukunftsorientiertes Rahmenkonzept für alle Lern-Formen

Bislang sind die sogenannten Twenty-First Century Skills – egal in welcher Expertendefinition – Privileg einer kleinen Gruppe von Lernenden. Twenty-First Century Skills sind ein zukunftsorientiertes Rahmenkonzept für alle möglichen Lerninhalte und Wissensfundamente in der Primar-, Sekundar-, Tertiär- und lebenslangen Weiterbildung. Sie entstanden Anfang der 2000er aus neuen wirtschaftlichen Ansprüchen, die Arbeitgeber an die nächste Generation stellten. Während im 20. Jahrhundert verstärkt Fachkräfte ausgebildet und gebraucht wurden, präsentiert das 21. Jahrhundert weitere, globalere und dringliche Herausforderungen, wie Umweltkatastrophen und -verschmutzung, Nahrungs- und Trinkwasserknappheit, Kriege und Menschenrechtsverletzungen, Pandemien und starke Migrationsbewegungen. Zudem gibt es die Mehrzahl an Berufen, die von 2000er-Kindern später ausgeführt werden, noch gar nicht. Und zu guter Letzt nimmt die Vielfalt an Informations- und Medientechnologien immer weiter zu.

Wenn ich Schulleitungen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler frage, was wir alle in diesem Jahrhundert brauchen, um nicht nur ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen, sondern auch um gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, gibt es oftmals mehr Antworten als Befragte. Die pädagogischen Ansätze sind so mannigfaltig wie die Herausforderungen unserer ungewissen Zukunft, und doch gibt es in der internationalen Bildungsforschung auf Grundlage der Twenty-First Century Skills vier Kernkompetenzen, die den Weg durch den Wandel für alle Beteiligten ebnen können.

Die vier Kernkompetenzen sind creative thinking, communication, collaboration and creativity. Kritisches Denken zielt auf die kognitiven Fähigkeiten ab, die Kinder entwickeln sollten, um zu mündigen Entscheidungsträgern werden zu können. Kommunikation beinhaltet, unter anderem, verschiedene Sprachen, die in einer zunehmend globalisierten Welt gebraucht werden, Sensibilität, adressatengerechte Sprache, und die imperative Muttersprachlichkeit in digitalen Medien. Aufbauend verknüpft das gemeinsame Handeln einzelne Lernende miteinander, so dass ganzheitlichere und robustere Lösungen für komplexe Problemstellungen gefunden werden können. Teamfähigkeit im Allgemeinen wird in jedem Arbeitsbereich gebraucht und sollte im Klassenzimmer oft und intensiv trainiert werden. Das bedeutet auch, dass die Rolle der Lehrkraft neu definiert und gelebt werden muss, sodass Kinder Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse übernehmen können. Die vierte und wohl am wenigsten quantitativ messbare Kernkompetenz ist die Kreativität. Nur durch kreative Ansätze können wir mit Innovation die Probleme dieser Zeit bewältigen. Der Nebeneffekt dieser Kompetenzen ist, dass sie Kinder und Jugendliche auf längere Hinsicht belastbarer in Konflikten im Umgang mit Problemstellungen und miteinander macht. So bleiben die Heranwachsenden motiviert, nicht aufzugeben, sondern zielstrebig weiter auf ihr Ziel hinzuarbeiten.

Einbindung der Kernkompetenzen in den Unterricht

Jede Unterrichtsplanung und jeder Projektplan kann Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten bieten, diese vier Kernkompetenzen zu trainieren. Natürlich steht dann vorn an der Tafel keine allwissende und allmächtige Lehrkraft mehr; vielmehr würde man ein brummendes Klassenzimmer vorfinden, in dem Bücher sich den Platz mit modernen Technologien teilen, Gruppen von Kindern fiebernd an ihren Lernprodukten arbeiten, eine oder zwei Lehrkräfte auf Augenhöhe der Kinder an den Tischen stehen und die Aufgabenstellung mit Lebensrelevanz irgendwo für alle sichtbar ist.

Ich bin von dem Versprechen der Twenty-First Century Skills überzeugt – nicht nur als ehemalige Studentin von Professor Fernando Reimers, der maßgeblich am internationalen Diskurs über Twenty-First Century Skills beteiligt ist. Als Teach First Deutschland Fellow an einer Gesamtschule in Duisburg erlebe ich die Begeisterung jeden Tag, die sich breitmacht, wenn gemeinsam etwas Großartiges gelernt, gelöst, oder auf die Beine gestellt wird. Ich plädiere deswegen nicht nur zu ja, viel mehr medialem Umgang in der Schule, sondern auch zu mehr Reflektion über den Rahmen, den wir um Lerninhalte stellen. Schließlich reflektiert er die Haltung, mit der wir handeln.

 

Marie-Sophie Guntram ist Fellow der Klasse 2015 an der Heinrich-Heine-Gesamtschule in Duisburg.

 

Literaturverweise

Jenkins, H., Clinton, K., Purushotma, R., Robinson, A. J., & Weigel, M. (2006). Confronting the challenges of participatory culture: Media education for the 21st century. Chicago, IL: The MacArthur Foundation.

Levy, F., & Murnane, R. J. (2004). The new division of labor: How computers are creating the next job market. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Karoly, L. A. (2004). The 21st century at work: Forces shaping the future workforce and workplace in the United States. Santa Monica, CA: RAND Corporation.

Partnership for 21st Century Skills. (2006). A state leader’s action guide to 21st century skills: A new vision for education. Tucson, AZ: Partnership for 21st Century Skills.