Zwei Jahre als freies Radikal

Pädagogik braucht Zeit. Das ist nur ein Fazit, das Neu-Alumnus Jan Friedrich aus seinen zwei Jahren an einer Dortmunder Schule zieht. Kurz nach Abschluss seines Einsatzes wirft er einen Blick zurück – vom Die-eigene-Rolle-finden über die 3D-Drucker-AG bis zu seinem persönlichen Fazit.

Vor gut zwei Jahren begann es, mein großes persönliches Abenteuer: Ich wurde Teach First Deutschland Fellow an der Reinoldi-Sekundarschule in Dortmund.

Ich hatte das erste Mal von Teach First Deutschland vor einigen Jahren im Studium durch einen Zeitungsartikel erfahren und fand die Idee sehr reizvoll. Teach First Deutschland bedeutete für mich vor allem eine attraktive Herausforderung mit Sinn, die manche jedoch, auch meine Eltern, als Zeitverschwendung im Kontext einer sicheren und erfolgreichen Jobsuche nach dem Studium sahen. Ich sah in Teach First Deutschland hingegen die Möglichkeit, mich persönlich weiterzuentwickeln, andere, also Schüler*innen mit teilweise schwierigem sozialen Hintergrund, positiv in ihrer Lebensplanung zu beeinflussen und Menschen zu treffen, die etwas verändern und bewegen wollten. Hinzu kamen meine Freude in der Arbeit mit Jugendlichen und meine erfolgreiche und schöne Zeit als Nachhilfelehrer zu Schul- und Studiumszeiten, die meine Entscheidung für Teach First Deutschland beeinflussten.

Rein ins laute Gewusel

Die Schülerinnen und Schüler von Jan beim Forscherwochenende.

Mein erster Tag an der Schule, auf den ich von Teach First Deutschland insbesondere durch die Lernferien MSAct! in Berlin sehr gut vorbereitet worden war, war dann vor allem sehr laut. Es war ein Gewusel von lachenden und schreienden Kinder, die durch die Gegend rannten. Ich begleitete damals einen jungen Kollegen in seine 8. Klasse und beobachtete. Beobachtete und wurde mit neugierigen Fragen bombardiert, wer ich sei, was ich hier machen würde, was ich unterrichten würde und ob ich ein neuer Lehrer sei.

Der Versuch einer Beschreibung meiner neuen Tätigkeit als Fellow war dann erst einmal viel zu kompliziert für die Schüler*innen, denn sie kannten nur drei Kategorien, in die sie Personen an der Schule einteilten: Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen und Integrationshelfer*innen. Ähnliches galt natürlich auch für die Lehrer und Lehrerinnen – und in gewisser Art und Weise sogar für mich selbst. Irgendwie war ich alles drei und nichts so richtig. Im Laufe der Zeit ergab sich, auch für mich selbst, eine immer genauere Definition meiner Rolle an der Schule, definiert vor allem durch die Tätigkeiten und Aufgaben, die ich während meines Einsatzes übernahm. Und so, denke ich, ergeht es jedem Fellow. Jeder Fellow ist individuell und jede Schule, an der Fellows eingesetzt werden, ist speziell. Daraus ergibt sich meiner Meinung nach die spezifische Rolle, die ein Fellow an seiner Schule einnimmt.

Zunächst habe ich viel hospitiert und den unterschiedlichsten Unterricht gesehen: guten, schlechten, interaktiven, frontalen und kooperativen. Ich wurde dabei sehr freundlich aufgenommen und die wenigsten wollten mich nicht in ihrem Unterricht haben. Dabei kam mir der Gedanke, wieso so etwas wie Peer-to-Peer Coaching nicht an Schulen existiert. Wirklich jeder könnte daraus etwas mitnehmen. Aber die Angst, jemandem auf die Füße zu treten, scheint zu groß.

Mangel an Zeit und Raum

Das erste Schüler*innen-Kurzfilmfestival in Dortmund, das Jan mit weiteren Fellows organisiert hat.

Ein anderer wichtiger Punkt, der mir in verschiedensten Momenten aufgefallen ist: es mangelt oftmals an Zeit und Raum an der Schule. Sowohl bei den Schüler*innen als auch bei den Lehrer*innen. Meine 3D-Drucker-AG, die ich mir bereits vor Beginn meines Einsatzes vorgenommen hatte, habe ich so schnell wie möglich zur AG-Wahl angemeldet, musste mich aber, wie jede AG, mit dem Freitagnachmittag begnügen, was sicherlich nicht der dankbarste Termin ist. Dennoch kam sie zustande und hat sich in den letzten Jahren als feste Institution an der Schule etabliert. Zu Beginn hatten sich lediglich fünf Schüler*innen gemeldet und wir haben uns gemeinsam Strategien überlegt, wie wir an Geld für einen 3D Drucker kommen konnten. Als das Geld dann schließlich da war, haben wir uns einen 3D-Drucker-Bausatz gekauft und diesen zusammengebaut. Das Ganze hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis wir vergangenes Jahr vor den Sommerferien unseren ersten Druck gemacht haben. Diesen feierlichen Moment werde ich sicherlich nie vergessen. Die Schüler*innen und auch ich waren super gespannt, haben den Moment auf Video festgehalten und waren am Ende sehr beseelt ob unseres gemeinsamen Erfolges.

Im zweiten Schuljahr hat sich die AG immer mehr zur einer Schülerfirma weiterentwickelt. Wir hatten einen festen Verkaufstag in der Woche und druckten vor allem Schlüsselanhänger, Einkaufchips und Herzen mit Namen für die Mitschüler*innen. Die Aufgaben waren fest verteilt, so dass es zum Beispiel die Baumeister, die Verwaltung, den Vertrieb und den Druckmeister gab. Überrascht wurde ich dabei immer wieder von der Eigeninitiative der Schüler*innen, sei es bei der gemeinsamen Beratung über die entsprechenden Aufgaben oder bei der Einführung von selbst wählbaren Pausenzeiten.

Von den Verkäufen belohnten wir uns als Gruppe regelmäßig selbst. Sei es ein gemeinsames Eis, Pizzaessen oder die Teilnahme am Bildungsfestival. Die Teilnahmegebühr hierfür haben wir aus unserem Verkauf und einen sehr erfolgreichen Spendengang durch den Stadtteil, bei dem mehr als 200 Euro zusammenkamen, finanziert. Auf dem Bildungsfestival selbst haben die Schüler*innen einen eigenen Workshop gegeben und konnten an Workshops anderer Schüler*innen, Organisatoren und Externen teilnehmen. Es ist auch toll zu sehen, dass die 3D-Drucker-AG weitergehen wird. Ein Kollege, den ich frühzeitig mit eingebunden habe, hat sie übernommen, so dass sie nachhaltig an der Schule verankert bleibt.

Ein Leuchtturm für positive Veränderungen

Die 3D-Drucker-AG wird auch nach Jans Abschied von der Schule weitergeführt.

Wenn ich nun auf meinen Einsatz zurückblicke, bin ich sehr zufrieden. Ich wurde von der Schule, sowohl vom Kollegium als auch von der Schulleitung, sehr positiv aufgenommen. Anregungen und Kritik wurden, auch wenn es manchmal etwas gedauert hat, gern angenommen oder haben zumindest Diskussionen in Gang gesetzt – insbesondere nachdem sowohl die Schulleitung als auch die Kollegen und Kolleginnen in mir einen verlässlichen Partner mit guten Ideen entdeckt haben. Dies musste ich mir aber erst – mit der Grundlage eigener Kompetenzen und der Unterstützung von Teach First Deutschland – erarbeiten. Und was mich am meisten freut, ist, dass sich die Leistungen einiger Schüler und Schülerinnen, mit denen ich intensiveren Kontakt hatte, zum Teil deutlich verbessert haben.

Für mich persönlich waren diese zwei Jahre als „freies Radikal“ oder „positive Irritation“ ein sehr interessanter Blick in die Schule von heute und ihre Probleme. Ich habe für mich persönlich festgestellt, wie wichtig die Einbeziehung aller Beteiligten bei der Durchführung von Projekten und Veränderungen ist. Dies trifft sowohl auf Schüler*innen als auch auf Lehrer*innen zu und letztlich auch auf unsere Demokratie. Mir wurde deutlich, wie wichtig Kommunikation ist, dass Pädagogik sehr viel Zeit braucht und dass man durch die richtige Motivation und die richtigen Rahmenbedingungen viele Menschen erreichen und aktivieren kann. Auch habe ich die Projektarbeit für mich entdeckt und spiele mit dem Gedanken, mich selbstständig zu machen. Abschließend kann ich nur hoffen, dass das System Schule sich weiter öffnet und mehr Menschen, sei es durch Ganztagsprogramme, Teach First Deutschland oder Ähnliches, mit einbezieht, da Schule letztlich ein Leuchtturm für positive Veränderungen im Stadtteil und der Gesellschaft sein kann.

 

Autor: Jan Friedrich ist Fellow der Klasse 2015 und hat im Sommer seinen Einsatz an der Reinoldi-Sekundarschule in Dortmund beendet. Er ist studierter Physiker. Neben seiner 3D-Drucker-AG hat er unter anderem ein Forscherwochenende im Sauerland durchgeführt, in Kooperation mit vier weiteren Fellows das 1. Dortmunder Schüler*innen Kurzfilmfestival organisiert und das Nachhilfeprojekt „Schüler helfen Schülern“ aufgebaut.