„Juhu, Corona-Ferien!“ Als die Berliner Schulen geschlossen wurden, haben die Schülerinnen und Schüler das sehr unterschiedlich aufgenommen: Viele haben sich gefreut, andere waren besorgt, weil sie ihren Abschluss doch unbedingt schaffen wollen oder  weil Praktika in den Osterferien abgesagt wurden. Es wurde viel darüber diskutiert, ob die Schulschließung wirklich nötig sei. Denn Corona war weit entfernt von der eigenen Lebensrealität und es gab kaum einen Grund, sich vor einer  echten Krise zu fürchten. Man würde einfach abwarten und nach den Osterferien wäre wieder alles beim Alten. 

Inzwischen sieht die Welt ganz anders aus. Es erreichen mich Nachrichten von Schülerinnen und Schülern, die sich Sorgen um ihr eigenes Leben und das ihrer Familie machen. Wie zum Beispiel diese Sprachnachricht:

„Frau M., es ist richtig schlimm geworden. Seit ich gehört habe, dass der Mann vom Dönerstand unten bei mir an der Straße Corona hat, traue ich mich gar nicht mehr rauszugehen. Meine Mutter sagt, ich muss den Müll trotzdem runterbringen, aber ich hab‘ so Angst.“

Darauf waren wir nicht vorbereitet und darüber haben wir in der Schule nicht gesprochen. Schließlich wollten wir nicht unnötig Panik verbreiten. Wir haben von Vorsichtsmaßnahmen gesprochen und Prävention, haben uns bezüglich bestimmter Regeln und Maßnahmen gern auf Autoritäten berufen und gehofft, dass sich die Sache nach ein paar Wochen wieder im Sande verlaufen wird.

„Wir müssen jetzt einfach mal abwarten, was der Senat beschließt und dann werden wir weitersehen.“

Ein Standardsatz, mit dem wir uns gern aus der Affäre gezogen haben, wenn wir keine bessere Antwort parat hatten, mit dem wir Schülerinnen und Schülern beruhigen und die eigene Hilf- und Planlosigkeit überspielen wollten. Wir haben also gewartet und gesehen und die Schulen sind zu. Und jetzt?

Wir übersehen, dass viele Schülerinnen und Schülern nicht nur aufgrund mangelnder Technik nicht in der Lage sind, sich auf digitale Lernangebote einzulassen. Wir befinden uns in einer Krise, an der Apps und Tools nichts ändern können.

Jetzt stürzen wir uns in neue Aufgaben: Digitale Schule ermöglichen, wo die dafür erforderlichen digitalen Infrastrukturen nicht oder nur ansatzweise vorhanden sind. Es werden Mailadressen getauscht, Links geteilt, Apps getestet und Aufgaben zum Download bereitgestellt. Innerhalb weniger Wochen wollen wir alles aufholen, was wir an Digitalisierung in den letzten 20 Jahren verpasst haben. Es muss jetzt einfach irgendwie gehen. Dass manche Schülerinnen und Schüler keinen Computer zu Hause haben oder kein Internet, soll uns daran nicht hindern. Sie müssen das dann irgendwie mit dem Handy schaffen. Wir übersehen, dass viele Schülerinnen und Schüler momentan nicht nur aufgrund mangelnder technischer Voraussetzungen oder mangelnder Medienkompetenz, sondern auch psychisch nicht dazu in der Lage sind, sich auf die neuen digitalen Lernangebote zu konzentrieren, weil wir uns in einer ernsthaften Krise befinden, an der auch alle Apps und sonstigen digitalen Tools nichts ändern können. Darüber sollten wir nachdenken.

Stattdessen sitzen wir im Homeoffice vor unseren Computern und basteln an Arbeitsblättern und Erklärvideos und Quiz-Apps und vergessen darüber teilweise, dass um uns herum gerade die Welt aus den Fugen gerät. Vielleicht hilft dieser übertriebene Aktionismus uns, das Gefühl zu bekommen, die Krise durch eigene Handlungen bewältigen zu können. Den Schülerinnen und Schüler hilft er nur bedingt. Natürlich sollen sie trotzdem lernen und natürlich müssen wir überlegen, wie wir das nun sinnvoll gestalten können. Aber: Wir müssen ihnen Zeit geben, die Ereignisse, die sich gerade überschlagen, zu verarbeiten. Und wir müssen sie dabei unterstützen.

Wir müssen sie informieren und aufklären. Wir müssen ihnen beibringen, wie sie Fake-News erkennen, die in sozialen Netzwerken zurzeit in unglaublicher Menge verbreitet werden. Wir müssen ihnen beibringen, wie sie ruhig bleiben und kritisch hinterfragen, statt nach jeder neuen Nachricht in Panik zu verfallen. Wir müssen die Person sein, die sie fragen dürfen, wenn sie sich trotzdem nicht sicher sind, was sie noch glauben sollen und was nicht.

„Heute Abend ab 23:30 Uhr sollte niemand auf der Straße sein. Türen und Fenster sollten geschlossen bleiben, da 5 Hubschrauber Desinfektionsmittel in die Luft sprühen, um das Coronavirus auszurotten. Bitte verbreiten Sie diese Information an alle Ihre Kontakte!“

Ein Screenshot dieser Nachricht erreicht eines Abends auch die Klassengruppe einer meiner Fokusklassen. „Leute stimmt das?“, fragt eine Schülerin und es beginnt eine angeregte Diskussion. Lediglich ein Schüler erkennt, wie absurd diese Meldung ist, wenn man mal genauer darüber nachdenkt, und teilt seine Erkenntnisse von guten Argumenten gestützt in der Gruppe. „Danke Abdul Einstein“ bekommt er dafür als Antwort. Es ist 22 Uhr, also 90 Minuten vor der angekündigten Hubschrauber-Aktion (wenn man mal davon absieht, dass die Nachricht kein Datum enthält) und mindestens vier Stunden nach meinem eigentlichen Feierabend. Trotzdem schreibe ich jetzt in die Gruppe. Erkläre, warum diese Nachricht nicht echt sein kann. Ermutige die Schülerinnen und Schüler, kritisch zu sein und Nachrichten immer zu hinterfragen. Teile Links zu Faktencheck-Homepages und beantworte Nachfragen. Auch die Klassenlehrerin schaltet sich noch ein und versichert den Schülerinnen und Schülern, dass die Meldung falsch ist. Sie teilt ein Video zum Thema „Fake-News erkennen“.

„Lol, meine Mutter glaubt mir nicht“, schreibt Zeyneb. „Sie hat schon alles dichtgemacht, keiner darf mehr auf Balkon.“

Je weniger man sich in solchen Situationen auf das Urteilsvermögen der eigenen Eltern verlassen kann, umso mehr benötigt man andere Strukturen, die Unterstützung bieten. Zeyneb steht nicht umsonst auf der Liste meiner Fokus-Schülerinnen und -Schüler. Als die nächste Falschmeldung die Klassengruppe erreicht, habe ich das Gefühl, dass sie schon etwas kritischer sind. Ein Schüler teilt einen Link zum Faktencheck bei mimikama.at. Ich freue mich, dass mein Einsatz neulich abends sich nun auszahlt. Es ist immerhin ein Anfang.

Leider ist auch die Krise, die wir momentan erleben, erst ein Anfang. Keiner von uns weiß, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden. Wann wieder Normalität in unseren Alltag einkehren wird. Wie wir diese Krise überstehen werden und wie unser Leben danach aussehen wird. Ob Menschen, die man liebt, vielleicht krank werden oder sogar sterben. Ob man vielleicht selbst in Gefahr ist.

 „Wisst ihr, es gibt noch viel Schlimmeres, was passieren kann. Und trotzdem geht das Leben weiter. Man darf einfach nie aufgeben.“

Es gibt einen Namen für die Fähigkeit, die nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern wir alle jetzt dringend brauchen: Resilienz.

Das hat Nour ihren Mitschülerinnen und Mitschülern vor den „Corona-Ferien“ gesagt. Ich kenne ihre Geschichte und weiß, was sie meint. Nour kommt aus Syrien. Dort hat sie unter anderem erlebt, wie bewaffnete Männer ins Schulgebäude eindrangen. Sie musste sich mehrere Stunden vor ihnen verstecken und hat in dieser Zeit echte Todesangst ausgestanden. Wer das überlebt hat, fürchtet sich weniger vor Corona.

Anders als Nour müssen viele Schülerinnen und Schüler sich jetzt gerade zum ersten Mal mit wirklich existenziellen Fragen und Ängsten auseinandersetzen. Dass manche sich in dieser Situation schnell entmutigen lassen, ist eigentlich kein Wunder. Wir alle – auch die Schülerinnen und Schüler aus sozialen Brennpunkten – leben in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft, die uns zumindest ein Minimum an Grundsicherung bietet. Wir sind es nicht gewohnt, uns um Leib und Leben ernsthaft Sorgen zu machen. Wir sind es nicht gewohnt, in einer Welt voller Unsicherheit und Zukunftsangst zu leben und trotzdem weiterzumachen. Wir wollen planen und vorausdenken und Sicherheit. So ist Deutschland und so haben wir es ihnen bisher beigebracht: „Ihr müsst euch Gedanken über eure Zukunft machen. Ihr müsst einen Plan haben. Ihr müsst jetzt schon an eure Ausbildung denken, die übernächstes Jahr anfängt.“ So war der allgemeine Tenor. Doch nun sollen sie plötzlich das Gegenteil können: Nicht zu viel darüber nachdenken, was in der Zukunft vielleicht passieren könnte. Nicht zu lang im Voraus planen, schon gar nicht länger als bis nach den Osterferien. Einfach abwarten, sich nicht verrückt machen, irgendwie weitermachen und darauf vertrauen, dass schon alles wieder gut wird irgendwann.

Es gibt einen Namen für diese Fähigkeit, die nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern wir alle jetzt dringend brauchen: Resilienz. Die Fähigkeit, aufgrund der eigenen psychischen Widerstandskraft schwierige Lebenssituationen ohne nachhaltige Beeinträchtigungen zu überstehen, im besten Fall vielleicht sogar gestärkt aus einer Krise hervorzugehen. Es ist die Fähigkeit, die darüber entscheidet, wie wir als Gesellschaft sowie jede und jeder einzelne von uns die Krise bewältigen oder ob wir daran kaputtgehen. Es ist die Fähigkeit, die Nour geholfen hat, ihre Erlebnisse in Syrien zu überstehen und hier in Deutschland gut gelaunt und optimistisch neu anzufangen. Wie andere Fähigkeiten auch, kann man Resilienz erlernen, üben und fördern. Wenn wir über Corona reden, müssen wir deshalb nicht nur in Dauerschleife über Digitalisierung reden, sondern auch und vor allem über Resilienz. Und darüber, wie wir sie in uns selbst und in den Schülerinnen und Schülern fördern können.

Sonja Maichl | Fellow der Klasse 2018 in Berlin