Ein Beitrag von Laura Bender

Mein Jobtitel “Managerin für digitale Bildung an Schule” bei Teach First Deutschland wird nur dann mit Bedeutung gefüllt, wenn ich die “Digitale Kluft” überwinde, indem ich Brücken baue. Das viel beschworene Potenzial mit digitaler Bildung für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen, wird in unserer Gesellschaft nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft. Um herauszufinden, warum das so ist, habe ich mich in den vergangenen Wochen mit Menschen an Schulen, auf Konferenzen und Panels ausgetauscht. 

Was bedeutet Bildungsgerechtigkeit durch digitale Bildung? 

Ich habe mich für meinen Job entschieden, weil ich sicher bin, dass Digitalität unfassbar viel Power hat, um Schule gerechter zu machen. Ehrlicher Weise passiert an vielen Stellen gerade eher das Gegenteil. Die Digitale Kluft wird größer für Schülerinnen und Schüler in herausfordernden Umfeldern. Das ist dadurch zu erkennen, dass sie ihre Endgeräte und das Internet nicht so gut für sich und ihre Interessen einsetzen können wie privilegiertere Kinder. Dazu gehört dann nicht nur der Schulabschluss, sondern auch das Erlernen eigener Hobbys oder die Teilnahme an Debatten im Netz. Dabei bieten digitale Medien und Endgeräte die Möglichkeit, sich von vielen strukturellen Nachteilen zu befreien. Es gibt beispielsweise Tutorials von Jonglieren bis Zellstoffwechsel, Informationen zu einer Bandbreite von Berufsbildern und Apps, mit denen in kurzer Zeit eigene Inhalte erstellt und verbreitet werden können. All das kostenfrei über ein offenes WLAN auf einem Smartphone für weniger als 100€ in einfacher Sprache oder mit direkter Übersetzungsmöglichkeit.  Statt zur Demokratisierung des Zugangs und der Gestaltungsspielräume kommt es doch wieder dazu, dass ein paar einzelne Player bestimmen und die Machtverhältnisse lediglich digitalisiert werden? Gefolgt von Ohnmacht und Spaltung?

Ausstattung mit mobilen Geräten eng an die soziale Herkunft gekoppelt

Bereits vor der Pandemie belegte eine Studie des Statistischen Bundesamtes, dass die Ausstattung mit mobilen Geräten eng an die soziale Herkunft gekoppelt ist: Je höher das Einkommen, desto höher das Einkommen, desto zahlreicher die technischen Endgeräte im Haushalt.

Netzwerken, um Digitalisierung in den Bildungsbereich hineinzutragen  

Viele Menschen aus dem Bildungssystem, der Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen suchen bewusst den Austausch dazu und wollen mehr dazu lernen. Ich durfte auf der Connected Ink über die Digitale Kluft sprechen und was sie mit Bildungsgerechtigkeit zu tun hat, damit Mitarbeitende beispielsweise bei WACOM in ihren Innovationen den Schulterblick wagen und sich überlegen, wie ihre technischen Innovationen nicht nur Gutes besser machen, sondern alle mitnehmen und fördern können. Das Unternehmen stellt seit vielen Jahren Grafiktablets für einfache Zwecke wie Notizen bis komplexe Prozesse wie Game Design her und hat den Bildungsbereich seit vielen Jahren im Blick. Während  Anbieter voller Vorfreude künstliche Intelligenzen in ihre Produkte und Services verbauen, ist es wichtig die Verlustängste zu lindern, die bei denen entstehen, die diesen Job bisher manuell machen. Das sind in unserem Umfeld die Lehrkräfte und Schulleitungen. Dazu konnte Fellow Christin Rathmer gute Einblicke geben, da sie mit einem Fokus auf Digitalisierung an einer Schule in NRW arbeitet und gemeinsam mit mir unsere Organisation vertreten hat. Sie berichtete beispielsweise von Hemmschwellen bei Schüler:innen und der nötigen Beziehungsarbeit, die sie als Fellow leisten kann, um Offenheit für neue digitale Lösungen sowohl in der Klasse als auch im Kollegium zu schaffen und sich gemeinsam an Neues zu trauen. 

Tracy Kristner, WirFürSchule, Güncem Campagna von der Codingschule und Laura Bender von Teach First Deutschland bei der „Connected Ink“ (von links nach rechts) © Celine Al-Mosawi

Von denen, so erschien es mir, waren dieses Jahr mehr auf der Konferenz Bildung Digitalisierung, was mich hoffnungsvoll stimmt. Genau hier wird nämlich auch noch eine Kluft überwunden. Die zwischen den Methoden, Prozessen und Denkweisen der Digitalwirtschaft und denen an Schule. Denn es geht nicht nur um digitale Bildung für Schülerinnen und Schüler, sondern auch um digitale Bildung für Lehrkräfte und Schulteams. Das diesjährige Motto “Taking Charge – Visionen für das System Schule” beschreibt genau das, was oft an Schule fehlt, wenn man immer wieder unter enormen Stress, Mangel und Komplexität von diesem massiven System verschluckt wird: Visionen dafür, dass es anders geht. Mit denen kann man dann nämlich loslaufen und Verbündete suchen. Damit fangen wir doch gleich mal an. Meine Learnings aus den Netzwerkevents der vergangenen Wochen habe ich hier zusammengetragen:

Digitale Bildungsteilhabe muss konkreter definiert und ausgestaltet werden

Es wird viel über Endgeräte und Tools gesprochen und ja, sie sind wichtig, aber nicht nur. Die fünf Dimensionen digitaler Bildungsteilhabe (Infrastruktur, Inhalte, Verarbeitung, Unterstützung, Forschung) sind nur wenigen ein Begriff, dabei bieten sie eine gute Grundlage, um eigene Strategien zur digitalen Teilhabe aufzusetzen. Außerdem braucht es ein tiefgreifendes Verständnis von der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen.

Gezielte Investitionen für das Testen, Kuratieren und Verbreiten von bestehenden Angeboten sind notwendig

Die Ohnmacht lauert auch bei den Bildungsangeboten. Immer mehr Material kommt auf den Markt. Open Educational Ressources und Open Source Lösungen sind eine tolle Chance für Bildungsgerechtigkeit, doch Lehrkräfte schrecken zurück, weil sie die Qualität nicht einschätzen können oder gar nicht erst wissen, wo es was gibt. Leider ist es zudem leichter Geld für das Bauen einer neuen App zu bekommen, als für das Testen, Kuratieren und Verbreiten von bestehenden Angeboten im Netzwerk.

Neben Kollaboration braucht es eine gute Moderation

“Kollaboration”– genau das ist eine der 4K Zukunftskompetenzen des OECD Modells für Lernende im 21. Jahrhundert  (zu den anderen drei zählen: Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken) und die brauchen nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch wir in den Organisationen, Ämtern und Ministerien. Lust darauf haben viele, die Zeit, um wirklich gemeinsam an Themen zu arbeiten, haben wir uns noch zu wenig genommen. Umso beeindruckter war ich von einem Workshopformat bei “Wir Für Schule” zu Teachers on stage. Da ging es nach interessanten Keynotes mit allen Teilnehmenden in die moderierte Gruppenarbeit an Stationen, um den Austausch zu fördern und den Schwung der neuen Inspirationen gleich zu nutzen.

Die Angebote erreichen benachteiligte Kinder und Jugendliche nicht genug

Unsere Zielgruppe haben viele auf dem Schirm, bzw. meine Diskussionspartner:innen sind immer sofort super interessiert daran, mehr über unsere Einsatzschulen und ihre Herausforderungen zu erfahren. Sie wissen aber selten, was sie bewegt und selbst wenn sie das tun und großartige Angebote schaffen, wissen sie nicht, wie sie die jungen Menschen erreichen. Ergebnisse dazu finden sich zum Beispiel in der Studie „Mehr Teilhabe in der Digitalen Transformation„, die unsere Alumna Diana Christov in ihrer Rolle beim Stifterverband initiiert hat.

Let’s co-create: Dann fangen wir mal an

Liebe Edtechs, Organisationen, (potenzielle) Förderpartner:innen, Ministerien lasst uns bei digitalen Themen nicht nur nach vorn schauen, sondern den Schulterblick wagen, um alle mitzunehmen! Schreibt mich an, ladet mich ein, vernetzt euch mit mir oder finanziert es uns Netzwerkarbeit zu betreiben.

Das neue Jahr steht vor der Tür und wenn alles gut geht, können wir uns wieder öfter treffen. Da solche Events viel Kapazität verschlingen, wollen sie gut geplant sein, damit wir alle wirklich etwas davon haben. Ich verabrede mich zum Beispiel gern vorher mit Personen, die ich sonst nur online kenne oder deren Vorträge spannend klingen. Deswegen kommt hier als offenes und bearbeitbares Dokument ein Miroboard für Events mit Fokus auf digitaler Bildung für 2023. Lasst das Dokument wachsen, kommentiert und erweitert oder macht euch eine Kopie und nutzt es intern für eure Jahresplanung!