Seit einem Jahr unterrichtet Fellow Marie in einer Seiteneinsteigerklasse. Ihre Schülerinnen und Schüler weisen auf den ersten Blick überwältigend unterschiedliche Lernstände auf. In ihrem Beitrag erklärt sie, wie Geduld und Gelassenheit, ein gutes Team und unaufgeregte Schulpolitik dazu geführt haben, dass diese Unterschiede auch Chancen bieten.

Schon mal versucht, das Wort „Vertretungsunterricht“ mit Händen und Füßen zu erklären? Die Seiteneinsteigerklasse – an meiner Schule Vorklasse* genannt – erschien mir zu Beginn meines Einsatzes als das größte, ja, schwierigste Projekt. Mein Einsatz dort war erwünscht, weil meine Kolleginnen an zermürbender Unterbesetzung litten.

Zur Struktur: Neu zugewanderte Kinder ohne Deutschkenntnisse kommen in einen Klassenverband, die Vorklasse. Nach frühestens einem halben Jahr und spätestens zwei Jahren wechseln sie in die sogenannte Deutschklasse. Größtenteils gehören sie dann – dem Alter entsprechend – einer Regelklasse an und erhalten außerdem vertiefenden Deutschunterricht.

Die Zusammensetzung des Klassenverbands ist wechselhaft, denn sobald die Schülerinnen und Schüler die Regelklassen besuchen, rücken neue nach. Momentan haben wir 16 Schülerinnen und Schüler, viele kommen aus Syrien und Albanien, manche aus Afghanistan, dem Irak, Russland und der Türkei.

Zwischen Mutlosigkeit und Zuversicht

Anfangs empfand ich Empörung: Wie soll eine Lehrkraft zwanzig Kindern zwischen 11 und 16 Jahren, von denen manche die lateinischen Buchstaben nicht beherrschen, guten Unterricht bieten? Wie differenziert man? Wie löst man Konflikte? Überhaupt, wie schafft man Berührungspunkte, wenn Kinder auf Pubertierende und Wohlbehütete auf allein Geflüchtete treffen?

Heute empfinde ich Glück: Es geht nämlich. Und es geht ziemlich gut. Schon mein erster Besuch in der Vorklasse bewies: Dieser Klassenraum ist ein Schutzraum! Die Schülerinnen und Schüler wissen: Sie können sich in dieses Klassenzimmer zurückziehen. Die Klassenlehrerin schafft es auf wundersame Weise, den Kindern eine unumstößliche Zugehörigkeit zur Vorklasse, aber auch zur gesamten Schule zu vermitteln.

Die Vorklasse gehört ohne Frage dazu

Der Klassensaal ist mitten auf dem Gang, nicht isoliert. Es gibt Lesepatenschaften mit Regelklassen, es gibt Spendenprojekte, Ausflüge und Brieffreundschaften mit anderen Vorklassen an anderen Schulen. Die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften, die Kinder aus der Vorklasse in ihrer Regelklasse aufnehmen, funktioniert einwandfrei.

Die Vorklasse darf kein Exot, sie muss normaler Bestandteil der Schule sein. Einerseits erleben die Kinder Schonung, das ist richtig: Sie bekommen zum Beispiel keine allgemeingültigen Noten. Wir stehen zudem in Kontakt mit den Betreuern derer, die ohne Eltern hier sind. Die Klassenlehrerin kümmert sich regelmäßig um Dolmetscher für Beratungstage. Dieses Schuljahr sieht der Stundenplan sogar in beinahe jeder Stunde eine Doppelbesetzung vor – das ist ein Privileg.

Aber die Schülerinnen und Schüler müssen genauso für eine Klassensprecherin und einen Klassensprecher stimmen wie alle anderen Klassen auch, sie müssen an AGs und dem Sportunterricht teilnehmen. Durch die Unterbringung in einer Klassengemeinschaft, wo alle erst einmal Deutsch lernen müssen, bietet die Schule sicheres Ankommen, Orientierung und Schutz; aber auch die Option, weiterzukommen, die Herausforderung, sich zurechtzufinden, anzunehmen und zu meistern.

Verantwortung abgeben

Damit sind wir bei der wichtigsten Komponente des Fremdsprachenunterrichts: Die Abgabe von Verantwortung an die Schülerinnen und Schüler. Nirgendwo sonst bin ich im Schulalltag so auf das Konzept des eigenständigen Lernens angewiesen wie in der Vorklasse. Nirgendwo sonst fällt es mir so leicht, es anzuwenden.

Denn es handelt sich hier um Kinder und Jugendliche, die Deutsch lernen wollen. Manche tragen außerhalb der Schule große Verantwortung, müssen etwa beim Arzt oder auf dem Amt für die Eltern komplizierte Sachverhalte ins Albanische oder Arabische übersetzen. Manche haben schreckliches Heimweh. Ihnen allen ist gemein, dass sie sich in einer fremden Umgebung neu zurechtfinden müssen. Das schweißt zusammen.

Einzel- oder Gruppenarbeit an Gruppentischen sind das Fundament unseres Unterrichts. Die meisten Schülerinnen und Schüler fordern selbstständiges Lernen ein, bearbeiten konzentriert ihre Aufgaben, sehen in uns Muttersprachlerinnen, die im Zweifel helfen können. Das schenkt uns Kapazitäten, jene zu betreuen, die noch größere Probleme mit den Inhalten haben.

Das schenkt uns Gelassenheit und Geduld in Momenten, in denen sich doch einmal Frustration über „diesen dämlichen Akkusativ“ oder „diesen willkürlichen Satzbau“ breitmacht. Es ermächtigt uns, hellhörig zu sein, trotz Sprachbarriere. So lassen sich die immensen Unterschiede im Lernstand in gewisser Weise zum Vorteil nutzen.

*Da es hierzu kein einheitliches Konzept gibt, haben diese Klassen sehr unterschiedliche Namen. In anderen Schulen/Bundesländern heißen sie z.B. Vorbereitungs- oder Willkommensklasse.

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Marie Cornell Zender ist Fellow der Klasse 2015 an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Köln. Sie wird im Wechsel mit anderen Fellows regelmäßig aus ihrem Einsatz erzählen.