„Warum treten die Briten aus der EU aus?“, „Warum kommen so viele Flüchtlinge nach Europa?“, „Was macht eine Europaabgeordnete überhaupt?“ und „Was hält sie von Erdogan?“. Das sind nur einige der Fragen, die mir gestellt wurden, in den Unterrichtsstunden im Vorfeld des Schulbesuchs von Terry Reintke, MdEP für Bündnis 90/Die Grünen.

„Politische Diskussionen sind an einer Hauptschule nicht möglich“, denken vielleicht so manche. Ich kann ihnen nur widersprechen. Was ich im Vorfeld des Schulbesuchs von Terry Reintke erlebt habe, hat mich darin bestätigt, dass meine Schülerinnen und Schüler ein ebenso reges Interesse an politischen Themen haben wie Schülerinnen und Schüler der höheren Schulformen. Es wurden wichtige Fragen gestellt und unterschiedliche Meinungen diskutiert. Während der Vorbereitungsstunden waren die Augen der Schülerinnen und Schüler der 9b nicht beim Handy unter dem Tisch oder dem Nachbarn, sondern man merkte, dass sie an Politik und der Europäischen Union interessiert sind und oftmals bereits eine Meinung zu wichtigen Themen haben. Bei der Aufgabe, den Facebook- und Instagram-Account von Terry Reintke und ihre Homepage zu durchforsten, wurde den Schülerinnen und Schülern bewusst, dass uns kein weißer alter Mann im Anzug besucht, der sowieso keine Ahnung hat was sie interessiert, sondern eine hippe und nahbare junge Frau, die sich für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa – gerade in meiner Einsatzstadt Gelsenkirchen eine spürbare Angst der Schülerinnen und Schüler – und eine tolerante und vielfältige europäische Gesellschaft einsetzt.

Die Schülerinnen und Schüler waren begeistert und fragten mich jeden Tag: „Herr Brandtstedt, wann kommt Terry zu uns an die Schule?“. Sie gaben ihr schnell einen Spitznamen, „Terrymerry“, und zeigten mir jeden Tag Terry´s neueste Beiträge in den sozialen Netzwerken. Terry erreichte meine Schülerinnen und Schüler, sie war nicht eine dieser öden Gestalten im Fernsehen, bei denen sie sofort den Kanal wechseln würden. Es bewegte sie, was sie zu sagen hat, und sie fieberten ihrem Besuch entgegen. Es waren auch meine Schülerinnen und Schüler, die mich darauf aufmerksam machten, dass sie nicht nur am Europatag – der 9. Mai wird offiziell als Europatag begangen – sondern auch an ihrem dreißigsten Geburtstag an unsere Schule kommen würde.

Skepsis im Kollegium

Einige Monate vor dem Besuch stellte ich meine Idee, Terry Reintke einzuladen, dem Kollegium vor und wusste da bereits, dass die Projektwoche vor den Sommerferien unter dem Motto „Eine kulturelle Reise durch Europa“ stattfinden würde. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen hatten zunächst Bedenken und äußerten die Angst, dass unsere Schülerinnen und Schüler keine oder unpassende Fragen stellen könnten. Mein Vertrauen in meine Schülerinnen und Schüler sollte sich allerdings auszahlen.

Der Tag des Schulbesuchs war gekommen und ich stand auf der Bühne der Aula vor mehr als 100 Acht- und Neuntklässlern und berichtete davon, wie sehr meine Kindheit von der Öffnung der innerdeutschen und der europäischen Staatsgrenzen geprägt war. Ruth-Anne Damm, die Leiterin des Regionalbüros West von Teach First Deutschland, betonte in ihren Begrüßungsworten, wie dankbar sie dafür ist, dass wir seit so vielen Jahren in Frieden und Freiheit in Europa leben dürfen, was im Hinblick auf unsere Historie alles andere als selbstverständlich sei. Insgeheim warteten die Schülerinnen und Schüler allerdings auf den Auftritt von Terry Reintke, die sich ihren vielen Fragen stellte und dabei immer wieder hervorhob, dass sie sich in ihrer Rolle als Mitglied des Europäischen Parlaments für Vielfalt und mehr Chancengleichheit in Europa einsetzt.

„Heute ist Europa wichtiger denn je, um sich einzusetzen für Toleranz und Weltoffenheit.“

Die ersten Fragen, „Warum sind sie Politikerin geworden?“ und „Macht ihnen der Job Spaß?“, kamen zwar noch zögerlich aus dem Publikum, aber je mehr sie erzählte, desto interessierter und desto politisch kontroverser wurden die Fragen – in deren Beantwortung die Politikerin die Schülerinnen und Schüler auch direkt miteinbezog: Die Frage „Soll die Türkei der Europäischen Union beitreten?“ gab Terry Reintke an die Schülerinnen und Schüler zurück und befragte sie, wer dafür und wer dagegen sei, bevor intensiv über die aktuellen Entwicklungen in der Türkei diskutiert wurde. Die Themen Krieg, darunter der Konflikt in Syrien oder die Sorge vor einem Dritten Weltkrieg, und Frieden („Glauben sie an einen Weltfrieden?“) waren Themen, die meine Schülerinnen und Schüler sehr bewegten.

„Frieden ist auch unser aller Aufgabe und etwas, wofür wir uns alle einsetzen müssen.“

Terry Reintke repräsentiert die junge Generation im Europaparlament, sie ist nah an den Jugendlichen dran und versteht ihre Sprache, aber auch ihre Ängste und Sorgen. Sie ist in Gelsenkirchen aufgewachsen und zur Schule gegangen, eines ihrer Büros ist in Gelsenkirchen und sie ist regelmäßig in der Stadt unterwegs um mit den Menschen vor Ort zu sprechen, ihnen zuzuhören und sich für ihre Interessen einzusetzen.

Möglichkeiten, sich selber einzubringen und Politik mitzugestalten, wurden im Anschluss an die fast einstündige Diskussionsrunde von Terry Reintke und mir vorgestellt. Dabei legten wir meinen Schülerinnen und Schülern ans Herz, wählen zu gehen, für ihre Interessen auf die Straße zu gehen und Parteien und Parlamentarier wie Terry Reintke direkt anzusprechen. Dies taten sie dann auch gleich in der anschließenden Pause. Terry Reintke war stets umringt von einer Traube von Schülerinnen und Schülern, sie diskutierte mit ihnen, hörte ihnen zu und verteilte fleißig Visitenkarten. Ich beauftragte einen meiner Schüler, sie nach der Pause in den Klassenraum zu begleiten, denn weder für sie noch für meine Schülerinnen und Schüler endete der Besuch nach der Pause.

Argumente für und gegen einen EU-Austritt

Meine Klasse versammelte sich in unserem Klassenraum und wir starteten die Stunde mit einer Karikatur, die den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union thematisierte. Die Aufgabe war anschließend, sich vorzustellen, dass es ein ähnliches Referendum wie in Großbritannien auch in Deutschland geben würde. Die eine Hälfte der Klasse sollte sich Argumente für einen Austritt aus der EU und die andere Hälfte Argumente für einen Verbleib in der EU überlegen. Dabei nahmen sowohl Ruth-Anne Damm als auch Terry Reintke an der Diskussion in den Gruppen teil. Die Argumente fanden sich anschließend auf Wahlplakaten wieder, die die Gruppen der Gegenseite präsentierte. Abschließend bewerteten die Schülerinnen und Schüler die aus ihrer Sicht schlagkräftigsten Argumente, wobei eine überwältigende Mehrheit für die Argumente der pro-europäischen Seite war. Die Schülerinnen und Schüler nahmen aus der Stunde mit, dass sie sich auch mit den Argumenten der Gegenseite auseinandersetzen sollten, damit sie ihre eigene Meinung stärken und in Diskussionen auf diese Argumente Gegenargumente liefern können.

Wenn ein zukünftiges Referendum tatsächlich so ablaufen würde wie in meiner Klasse, dann würde ich es mit meiner Klasse genauso feiern, wie wir es am Abschluss des Schulbesuchs getan haben: Denn es gab neben lustigen Selfies, tollen Gesprächen und Interviews vor laufender Kamera auch Kuchen und Muffins für Terry Reintke und die Schülerinnen und Schüler.

 

Kolja Brandtstedt (29) ist Fellow der Klasse 2016 an der Hauptschule Am Dahlbusch in Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen.