9. November 2022

Mindful Leadership

Resilienz und Achtsamkeit fernab von Selbstoptimierung zu fördern, gesund und gestärkt durch den Felloweinsatz zu gehen, Lösungsstrategien zu finden, um mit Stress umzugehen – darum ging es u.a. beim eintägigen Workshop zum Thema „Mindful Leadership“ in Dresden während der sogenannten HOLTS. HOLT steht für Hands on Leadership Training, an dem jeder neue Fellow-Jahrgang von Teach First Deutschland teilnimmt, um verschiedene Methoden und Kompetenzen zu erlernen, die im Schuleinsatz helfen können. Helena Horn, Fellow des Jahrgangs 2020 und Mitbegründerin der AG “Psychische Gesundheit” und Tim Neuhäuser, Senior Programm-Manager bei Teach First Deutschland, haben den Workshop gemeinsam gehalten. Die dort vorgestellten Inhalte möchten wir hier teilen – gerade auch, weil sie über den Schulkontext hinaus relevant sind. 

Warum brauchen wir Mindful Leadership im Fellow-Einsatz und an Schulen?

Fellows haben oft Einblicke in schwierige Lebenswelten von Schüler:innen und sind in ihrem Einsatz auch mit emotionalen Belastungen durch Konflikte konfrontiert. Die systemischen und individuellen Herausforderungen der Arbeit an Schulen in dysfunktionalen Kontexten erfordern eine gute „(Selbst)führung“, die Mindful Leadership zum Ausdruck bringt.

Was stärkt das Wohlbefinden des Menschen? Positive Psychologie als Ansatz

Im Gegensatz zur Klinischen Psychologie, die danach fragt, wie die Patienten weniger leiden können und welche Therapie dabei helfen kann, wählt die Positive Psychologie einen anderen Ansatz. Sie fragt danach, was das Wohlbefinden des Menschen steigert, was ihn gesund bleiben und aufblühen lässt (kognitiv, emotional, psychosozial). Damit wählt die Positive Psychologie, deren Wegbereiter der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman ist, den Weg der Prävention, anstatt des Wegs der Intervention.

Laut wissenschaftlicher Erkenntnisse hängt das menschliche Wohlbefinden von fünf Faktoren ab, die anhand des sogenannten PERMA-Modells zusammengefasst werden:

Schematische Abbildung des PERMA-Modells: positive emotions, engagement, relations, meaning, accomplishment & achievement

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Möglichkeiten, wie diese PERMA-Faktoren für die Schüler:innen gestärkt werden können, z.B.:

  • durch Humor, Spiele und Bewegung im Unterricht
  • durch externe Projekte in bestimmten Bereichen
  • durch kooperative Gruppenarbeiten
  • indem kleine Erfolge gefeiert werden

Der Begriff „positive Emotionen“ kann hier durchaus kritisch gesehen werden, da jede Emotion ihre Berechtigung hat und Ausdruck finden darf.

Warum ist Positive Psychologie an Schulen sinnvoll?

An Schulen in sozial schwieriger Lage häufen sich unterschiedliche Herausforderungen. Durch gezielte Übungen und Vorleben einer entsprechenden Haltung und die Stärkung der PERMA-Faktoren für die Schüler:innen kann ein positives Schul- und Lernklima erschaffen werden. Dieses bringt viele Vorteile mit sich:

  • Es steigert das Wohlbefinden von Schüler:innen und Pädagog:innen (ihre physische und psychische Gesundheit​ profitiert davon)
  • Es fördert die Leistungsorientierung und – bereitschaft
  • Es fördert soziale Kompetenz​en
  • Es wirkt sich förderlich auf die Persönlichkeitsentwicklung aus.​

In der Theorie funktioniert das PERMA-Modell gut. Der Realitätscheck an der Schule (wenig Zeit, Hektik, etc.) zeigt jedoch, dass der theoretische Ansatz nicht 1:1 im Schulalltag umgesetzt werden kann. Das übergeordnete Ziel ein positives Schul- und Lernklima zu schaffen, hängt von verschiedenen Faktoren ab und liegt daher nicht immer im Ermessen des eigenen Gestaltungsbereichs.

Anhand des Modells von Stephen Covey, seit 2010 Hochschullehrer an der Jon M. Huntsman School of Business der Utah State University, rund um den Circle of Influence lohnt es zu reflektieren in welche Richtung der eigene Fokus neigt.  Covey ordnet anhand von drei zusammenhängenden Kreisen all die Dinge ein, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen:

  • Circle of CONCERN: Alle Dinge, die für uns von Interesse sind, die uns beschäftigen, unsere Aufmerksamkeit beanspruchen.
  • Darin als Teilmenge der Circle of INFLUENCE: Alle Dinge, die wir beeinflussen können.
  • Darin als Teilmenge der Circle of CONTROL: Alle Dinge, die wir kontrollieren können.

Anhand des Modells von Covey wird beispielsweise deutlich, dass wir niemand anderen (völlig) kontrollieren können und nicht alle Dinge, die wir beeinflussen wollen, auch beeinflussen können. Nach Covey lohnt es jedoch den Fokus stets darauf zu lenken, was wir beeinflussen können. Auch die nachstehenden Fragen helfen dabei für sich Klarheit zu schaffen:

    • Wo will ich Einfluss nehmen?
    • Wo kann ich Einfluss nehmen?
    • Wohin geht mein Fokus?

Selbstfürsorge

Aufgrund der systemischen und individuellen Herausforderungen an Schulen ist es besonders wichtig, auf die eigene Selbstfürsorge zu achten.

Fellows haben verschiedene Tipps zusammengetragen, die ihnen dabei helfen, ihre eigene Resilienz zu stärken:

Screenshot eines Padlets unter dem Thema: „Erfahrungswerte von Fellows für Fellows | Der Einsatz an der Schule ist in vielereli Hinsicht herausfordernd: Wie kann ich im Fellow-Einsatz gut für mich sorgen?“ Darunter sind in weißen Boxen viele kurze und lange Tipps gesammelt.

Mindful Leadership bedeutet auch, Grenzen zu setzen

Weitere wichtige Aspekte von Mindful Leadership und einem achtsamen Umgang mit sich und anderen sind Grenzen. Grenzen zu setzen, ist innerhalb von Beziehungen sehr wichtig. Letztlich führen wir Menschen zu allen und allem Beziehungen (zu Menschen, zu Dingen, uwm.).

Was sind Grenzen?

  • Sie sind da, um die eigenen Werte zu schützen
  • Sie definieren unser individuelles Sein
  • Sie können Sicherheit geben
  • Grenzen zu wahren, ist ein Ausdruck von Respekt (uns selbst und anderen gegenüber)
  • Sie sind mit der Zeit wandelbar und können neu definiert werden
  • Sie sind individuell und persönlich
  • Sie schützen vor Selbstüberforderung

Jeder Mensch hat ein Recht auf seine persönliche(n) Grenze(n).

Beispiele verschiedener Formen von Grenzen 

  • Physische Grenzen (persönlicher Raum, Kontakt, Berührung, etc.)
  • Materielle Grenzen (Geld, Besitz)
  • Emotionale Grenzen (Gefühle)
  • Zeitliche Grenzen (Zeit und Energie)
  • Mentale Grenzen (Gedanken, Einstellungen, Meinungen)

Embodiment von Grenzen: NEIN-Sagen mit Stimme und Körper

Eine Art eine Grenze zu setzen, ist durch das Wort „Nein“. Dabei kann es helfen, wenn dies nicht nur mit der Stimme erfolgt, sondern der Körper durch eine entsprechende Haltung und Mimik (stabiles, breitbeiniges, aufrechtes Stehen, fokussierter Blick, etc.) das „Nein“ unterstützt.

Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit“

Mindulf Leadership gehört zu den Themen, mit denen sich die Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit“ beschäftigt. Die Arbeitsgruppe, die von den Fellows Helena Horn und Semmi Tümkaya gegründet wurde, verfolgt das Ziel,  psychische Gesundheit im Schul- und Organisationskontext als Thema zu setzen und voranzubringen. Die Fellows von Teach First Deutschland können sich in dieser AG engagieren und austauschen.

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