„Schule als Ort der Vielfalt“ bringt innovative Teilhabeformate für neu Zugewanderte an Schulen und unterstützt diese dabei, sich strukturell zum Ort für gelebte Diversität zu entwickeln. Dafür arbeiten Teach First Deutschland Fellows und Berater*innen von IMAP gemeinsam mit den Kollegien der Schulen insbesondere an integrativer Elternarbeit und kultursensibler Berufsvorbereitung für neu Zugewanderte. Alle Ansätze werden zudem als Beispiele guter Praxis mit anderen Standorten und Akteuren der Bildungsarbeit geteilt.

Die Situation: Warum Integration Dauer- und Querschnittsaufgabe ist, gerade in Schule

Schule als Ort kultureller Vielfalt – das ist bereits heute Realität: Rund ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland verfügen über eine Migrationsgeschichte oder -erfahrung; etwa 11 Prozent aller Schüler*innen besitzen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Durch die verschiedenen Flucht- und Migrationsbewegungen in Vergangenheit und Gegenwart steigt die Diversität im Klassenzimmer. Vielfalt ist in wenigen Kontexten so geballt zu finden wie an Deutschlands Schulen. Wie unausweichliche Migrationsbewegungen aus unterschiedlichsten Motivlagen so aufgenommen werden können, dass Menschen und ihre Familien willkommen geheißen und in das Miteinander vor Ort integriert werden können, bewegt unsere Gesellschaft derzeit parteiübergreifend.

"Vielfalt ist in wenigen Kontexten so geballt zu finden wie an Deutschlands Schulen."

Da Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte oder -erfahrung häufiger in Familien mit geringem Einkommen leben – rund 30 Prozent von ihnen in Familien, die von Armut betroffen oder gefährdet sind – gilt dies in besonderem Maße für Schulen in strukturschwachen Regionen Deutschlands. An diesen Schulen, die teilweise einen Anteil von 70 bis 80 Prozent an Schüler*innen mit Migrationsgeschichte oder -erfahrung aufweisen, sind die Teach First Deutschland Fellows tätig. Die kulturelle Vielfalt in den Schulen ist dabei nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem als Chance zu sehen: Sie kann die Perspektivenvielfalt erhöhen, zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität anregen und das Lehren und Lernen durch neue Impulse und unterschiedliche Erfahrungshintergründe bereichern.

Förderprogramm AMIF

An dieser herausfordernden und gleichzeitig aussichtsvollen Bedarfslage knüpft das dreijährige Schulentwicklungsprojekt „Schule als Ort der Vielfalt an“, das von Teach First Deutschland in Zusammenarbeit mit der IMAP GmbH realisiert und durch das Förderprogramm AMIF finanziert wird. AMIF – kurz für „Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds“ ist eine Zuwendung der Europäischen Union, mit der Projekte in den Bereichen Asyl, Integration und Rückkehr finanziert werden können. „Schule als Ort der Vielfalt“ fällt in die letzte Förderperiode des Fonds und läuft von Januar 2020 bis Juni 2022. Das Projekt soll dazu dienen, Teilhabe systemisch in Schule und Gesellschaft zu bringen, sodass das Potenzial von Schüler*innen aus Drittstaaten umfassend und angemessen gefördert wird. Herzstück des Modellprojektes ist dabei die Zukunftsarbeit mit zehn ausgewählten Schulstandorten. Gemeinsam mit den Schulen werden innovative Lösungsansätze für gelingende Teilhabe pilotiert und als kultursensible Veränderungsprozesse umgesetzt. Um langfristig Wirkung zu entfalten, sollen die in den Schulen erprobten Projektansätze als Beispiele guter Praxis an andere Standorte und Akteure der Bildungsarbeit weitergegeben werden. Begleitet wird diese Pionierarbeit durch die interkulturelle Qualifikation von 150 Teach First Deutschland Fellows für den erfolgreichen Umgang mit Vielfalt in ihrem Arbeitsalltag an den Schulen.

"Die kulturelle Vielfalt in den Schulen ist dabei nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem als Chance zu sehen."

Vision, Oberziele und Indikatoren des Projektes: Schulentwicklungsprojekt

Im Rahmen der individuellen Weiterentwicklung der Pilotschulen als Orte der Vielfalt stehen dabei zwei Oberziele im Vordergrund: Die Förderung der demokratischen Teilhabe von Menschen aus Drittstaaten und mit Bleiberecht oder guter Bleibeperspektive, sowie der Aufbau nachhaltiger Organisationsstrukturen für die Integrationsarbeit in der Schule. In der ersten Projektphase wird sich die Weiterentwicklung der Schulen auf zwei Themenfelder konzentrieren, die der Erreichung des ersten Oberziels dienen: Die Entwicklung kultursensibler Elternarbeit zur Stärkung der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Familie und Schule, sowie die Schaffung kultursensibler Angebote für die Schülerschaft im Rahmen der Berufsvorbereitung oder dem offenen Ganztag zur Förderung gesellschaftlicher Chancengerechtigkeit und Teilhabe.

Nach einer gemeinsamen Auftaktveranstaltung mit allen Fellows der teilnehmenden Schulen im Januar, wird in den kommenden Wochen die Umsetzung des Modellprojektes an den fünf Schulstandorten beginnen. Hierzu gestalten die Fellows gemeinsam mit dem Projektteam einen Auftakttag vor Ort, der als offizieller Startschuss dienen soll. Im Frühjahr folgt eine Diagnosephase zur Analyse der Ausgangslage in den Schulen mit den jeweiligen individuellen Herausforderungen und Bedarfen. Die Erkenntnisse aus dieser Phase werden genutzt, um bedarfsgerechte Maßnahmen für die einzelnen Standorte zu konzipieren.

Vorstellung der Projektschulen

Die fünf teilnehmenden Projektschulen der ersten Kohrte führen das Projekt von Anfang des Jahres 2020 bis Mitte des Jahres 2021 durch. Sie repräsentieren die vier Regierungspräsidien des Bundeslandes und befinden sich in den Städten Mannheim, Offenburg, Pforzheim, Ehingen und Heilbronn. Nachstehend stellen die dort tätigen Fellows die aktuelle Situation kurz vor:

„Als Fellow bin ich hauptsächlich dafür eingesetzt, Jugendliche beim Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf zu begleiten. Da die Pfingstbergschule in Mannheim bereits eine Reihe von guten Konzepten im Bereich der Berufsorientierung vorzuweisen hat und diese auch vielseitig genutzt werden, möchten wir im Rahmen des Projekts „Schule als Ort der Vielfalt“ gezielt die Elternarbeit stärken. Denn zur Schulfamilie gehören neben Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften, Pädagoginnen und Pädagogen sowie der Schulleitung auch die Eltern und Familien der Kinder und Jugendlichen. Diese bringen sehr vielfältige Kulturen mit und sind oft durch sprachliche Unterschiede leider eher wenig am Schulalltag beteiligt. Um die Arbeit an der Schule noch sinnvoller gestalten zu können und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, nehmen wir am Projekt „Schule als Ort der Vielfalt“ teil. Dazu wollen wir eine kultursensible Elternarbeit fördern und für Interkulturalität sensibilisieren. Unser Ziel ist es dabei, mit den bisherigen Erfahrungen des Kollegiums der Pfingstbergschule und neuen Impulsen einen vertrauensvollen Raum der Zusammenkunft zu schaffen, indem von und miteinander gelernt werden kann. Nicht nur für die anstehenden Tests und Prüfungen, sondern für das ganze Leben. “

Viktoria Stetinger
TFD Fellow an der Pfingstbergschule Mannheim

Anna Göbel
TFD Fellow an der Astrid-Lindgren-Schule Offenburg

„Die Astrid-Lindgren-Schule ist eine Grund- Haupt- und Werkrealschule im schönen Offenburg am Schwarzwald in Baden-Württemberg mit über 380 Schülern und Schülerinnen. Das Besondere an der Stadtteilschule ist, dass sie mit über 65 Prozent Migrationsanteil ein Ort der Vielfalt und Multikultur ist. Die verschiedenen Nationalitäten spielen eine sehr große Rolle. Gegenseitiges Respektieren und eine gemeinsame Lernkultur werden hier großgeschrieben. Um den Schülern und Schülerinnen gerecht zu werden hat die Schule einen hohen Bedarf an zusätzlicher Unterstützung nötig. Gerade kultursensible Angebote im Rahmen der Berufsvorbereitung müssen weiter ausgebaut werden – das erhoffen wir uns durch die Teilnahme am Projekt „Schule als Ort der Vielfalt.“

„Schule als Ort der Vielfalt.“ Ein Projektname, der für die Insel-Werkrealschule in Pforzheim wie geschaffen scheint. Hier treffen täglich knapp dreihundert Schülerinnen und Schüler aufeinander. Hiervon sind knapp einhundertvierzig Drittstaatenangehörige, also aus Staaten die nicht Teil der Europäischen Union sind. Ein tägliches Miteinander, welches durch die kulturelle Diversität große Chancen als auch große Herausforderungen mit sich bringt. In der Schule üben wir, Gesellschaft zu sein. Beim Versuch dies zu ermöglichen und auch Eltern Teil des Schullebens sein zu lassen, sie zu motivieren in Formaten wie dem Elternbeirat oder Förderverein mitzuwirken, stoßen wir auf verschiedene Herausforderungen. Neben den offensichtlichen Themen wie Sprachbarrieren oder Analphabetismus können auch kulturelle Unterschiede Hürden sein, die es für eine positive Elternarbeit zu überwinden gilt. In einer hierfür eingerichteten Projektgruppe an der Schule wollen wir in Zusammenarbeit mit Teach First Deutschland und dem Beratungsunternehmen IMAP in den nächsten anderthalb Jahren neue Formate und Ideen für eine kultursensible Elternarbeit entwickeln und umsetzen. Als „Leuchtturmschule“ in dem vom Asyl-, Migrations-, und Integrationsfond unterstützen Projekt hoffen wir, von dem Austausch mit den anderen vier Schulen, welche zur gleichen Zeit mit dem Projekt starten, zu profitieren und unsere Learnings zu teilen.

Jan Britzwein
TFD Fellow an der Insel-Werkrealschule in Pforzheim

Florian Rauschenberger
TFD Fellow an der Michel-Buck-Schule in Ehingen

Die Michel-Buck-Schule ist eine Grund- und Werkrealschule in Ehingen (Donau), einer Kleinstadt mit ca. 25.000 Einwohnern, ungefähr 25 Kilomester südwestlich von Ulm gelegen. An unserer Schule lernen über 500 Kinder und Jugendliche aus fast 30 Ländern. Die Schülerinnen und Schüler treffen an der Michel-Buck-Schule auf ein offenes und engagiertes Kollegium sowie gewachsene Strukturen, die Integration, Anschluss und Abschluss und nicht zuletzt echte Teilhabe begünstigen. Neben einer engagierten Schulsozialarbeit und Institutionen wie dem „Elterncafé“ ist hier vor allem auch ein umfangreiches Zusatzangebot für gezielte Sprachförderung in Kleingruppen hervorzuheben.

Trotz dieser sehr guten Voraussetzungen und dem riesigen Erfahrungsschatz der Kolleginnen und Kollegen, begegnen uns in der täglichen Arbeit große Herausforderungen. Während wir unsere Schülerinnen und Schüler Tag für Tag erreichen, gestaltet sich die Elternarbeit oft deutlich schwieriger. Neben der Überwindung sprachlicher Barrieren geht es hierbei vor allem auch darum, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen.  Für die Entwicklung einer kultursensiblen Elternarbeit möchten wir unsere Erfahrung bündeln und mit der Expertise von IMAP und den anderen Projektschulen verbinden. Wir freuen uns, ein Teil von „Schule als Ort der Vielfalt“ zu sein!

An der Rosenauschule in Heilbronn lernen gerade 481 Kinder in einem sehr interkulturellen Umfeld. Die meisten Kinder kommen aus Familien mit Migrationshintergrund und so ist eine internationale Elternarbeit sehr wichtig. Gerade an Elternabenden werden wir schon von einem großen Netz an ÜbersetzerInnen unterstützt. Wir freuen uns durch das AMIF Projekt gemeinsam mit Eltern, Schulleitung, Lehrerkräften und unseren SchülerInnen Fortschritte in der Elternarbeit zu machen und die Zusammenarbeit an unserer Schule zu stärken.

Stephanie Stauss
TFD Fellow an der Rosenauschule in Heilbronn

Übergeordnetes Ziel des Projekts ist es auch, diese fünf Schulen, sowie die fünf weiteren im nächsten Jahrgang miteinander zu vernetzen. Die Modellschulen decken alle vier Regierungspräsidien des Landes Baden-Württemberg ab und sollen durch „Schule als Ort der Vielfalt“ die Möglichkeit erhalten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen und von den Erfahrungen der anderen Schulen zu lernen. Dies geschieht nicht nur durch den regelmäßigen Austausch unter den Fellows, sondern auch auf kleineren und größeren Vernetzungsveranstaltungen, in denen Lehrkräfte sowie das gesamte soziale Umfeld der Modellschulen miteinander ins Gespräch kommen.

Das Vorhaben ganz konkret

Mit der Umsetzung des Förderprojektes sind zwei Organisationen betraut, welche sich mit ihren Kernkompetenzen für die Zielerreichung im Projekt ergänzen: Teach First Deutschland ist eine gemeinnützige Bildungsorganisation, welche seit 2009 Hochschulabsolvent*innen an Schulen in strukturschwachen Gebieten Deutschlands einsetzt, um Lehrkräfte zu entlasten und Kinder und Jugendliche gezielt zu fördern. Neben dem Hauptstadtbüro in Berlin hat Teach First Deutschland vier Regionalbüros in Deutschland, welche die Fellows in den jeweiligen Bundesländern engmaschig betreuen. Die Region Süd, in der alle Fellows aus dem Projekt „Schule als Ort der Vielfalt“ eingesetzt sind, betreut aus dem Regionalbüro heraus die Bundesländer Baden-Württemberg und Hessen. Teach First begleitet im Projekt aber auch darüber hinaus die Fellows an den Schulen. IMAP ist ein systemisches Beratungsunternehmen für den öffentlichen Sektor mit Sitz in Düsseldorf und Berlin. Die Berater*innen von IMAP unterstützen die Bildungsorganisation und natürlich die Fellows durch ihre Erfahrungen in der Prozessbegleitung, im Vielfaltsmanagement und in der Gestaltung effektiver Interventionen. Die Berater*innen und Fellows führen die Ergebnisse des Projektes nach der Förderperiode so zusammen, dass sie nutzbar für andere Interessierte werden können.

Und schlussendlich bleibt zu erwähnen, dass die Projektbeteiligten nicht bis zum Ende der dreijährigen Förderperiode warten möchten, um über ihre Erkenntnisse und Erfolge zu sprechen. Die Entwicklungen im Förderprojekt werden durch eine begleitende Öffentlichkeits- und Pressearbeit in die regionale sowie Fachöffentlichkeit kommuniziert. Die Kommunikationsstrategie hat hier eindeutig den Zweck, die Themen des Projektes positiv zu besetzen, die Schulen auf ihrem Weg wertzuschätzen und die Allianz der Willigen im Bildungssektor zu stärken.

Community Work in Zeiten von Social Distancing

Mitten in den Start der aktiven Projektphase, bei der das Kennenlernen zwischen IMAP-Beraterinnen und Schulleitungen der fünf Projektschulen stattfanden, kam der Ausbruch der Corona-Pandemie und mit ihr das Kontaktverbot, sowie die Schulschließung in allen Bundesländern. Der Herausforderung, Menschen miteinander zu vernetzen, in Zeiten, in denen soziale Kontakte weitestgehend gemieden werden sollen, begegnen wir momentan digital: alle Kennenlerngespräche finden digital statt. Auch die Bestandsaufnahme der jeweiligen Situation vor Ort führen wir telefonisch oder digitale durch. So erhält das Projekt eine unverhoffte digitale Komponente, zumindest für die Zeit, in der direkte Kontakte vermieden werden sollen und die Schulen geschlossen sind. Alle Projektbeteiligten freuen sich natürlich auf die Phase der Lockerung der aktuellen Maßnahmen, sodass neue Lösungen in der kultursensiblen Elternarbeit oder Berufsberatung ausprobiert und gemeinsam auf Effektivität überprüft werden können. Nur so kann der Schulalltag nachhaltig weiterentwickelt werden.

Foto: Sam Balye via Unsplash